MindMag: Was fasziniert dich am Menschen so sehr, dass du diesen Beruf liebst?

Gabriele: Es ist die Liebe zum Menschen, auf alle Fälle. Ohne die kann man das nicht machen. Es ist die innere Überzeugung, dass man das, was man tut, wirklich von Herzen macht. Da gibt es diesen Spruch: „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst“ – vom heiligen Augustinus. Das war immer mein Leitspruch: Ich möchte andere anzünden mit dem Feuer. Dieses Schöne in der Lebens- und Sozialberatung, den Menschen zu helfen, für die Menschen da zu sein – das ist für mich immer der Motivationsweg gewesen. Immer. Nicht zu verwechseln mit Ausbrennen: Ich brenne dafür, aber ich brenne nicht aus.

Und ich möchte in den Ausbildungen, in denen ich schon viele Jahre vieles unterrichte, den Menschen den Mut geben und das Feuer entzünden. Auch die Angst nehmen vor dem, was man da machen kann. Wichtig ist – und das mache ich halt so –, dass ich sehr viel aus der Praxis erzähle, weil ich immer wieder das Feedback bekommen habe: Aus der Praxis lernt man am besten. Das heißt auch, ich erzähle auch meine Hopperlas, die ich zu Beginn vielleicht gemacht habe oder die immer wieder passieren. Es geht nicht darum, perfekt zu sein und jede Methode zu hundert Prozent ein- und umzusetzen, sondern sehr wohl dürfen Hopperlas passieren – das ist auch die Praxis. Auch die Angst zu nehmen, in die Beratung hinauszugehen, und zu sagen: Wenn ein Hopperla passiert – wir sind alle nur Menschen. Das ist mir in den Ausbildungen immer sehr wichtig gewesen.

Gabriele Reis bei ihrer Arbeit

MindMag: Was bewegt Menschen, deiner Erfahrung nach, Lebens- und Sozialberater zu werden?

Gabriele: Ich bin zu 98 Prozent davon überzeugt, dass es Menschen sind, die selber eine eigene Geschichte haben, die viele Krisen durchstanden haben – die also diese berühmte Resilienz entwickelt haben – und die aufgrund ihrer Geschichte, dessen, was sie gemeistert haben, sagen: Ich möchte es weitergeben. Bei mir war es so, dass ich gesagt habe: Es soll nichts umsonst gewesen sein, ich möchte etwas damit machen. Und das erlebe ich auch in den Seminaren und Modulen der Ausbildung: Die Menschen sagen, sie wollen etwas von ihrer Erfahrung weitergeben. Das heißt aber nicht, dass man in der Beratung die eigenen Erfahrungen zum Besten gibt – aber ich habe dafür oft ein ganz anderes Verständnis. Und es gab auch vereinzelt Aussagen, die mich immer sehr berührt haben – ich habe gehört: „Mir hat das Leben so viel gegeben, ich möchte etwas zurückgeben.“ Das werde ich nie vergessen. Ich habe das zwei, drei Mal gehört: dass wirklich die einzige Motivation war, etwas zurückzugeben, weil sie selbst sehr viel Gutes erfahren haben. Und darum machen sie das.

MindMag: Welche Entwicklung erlebst du bei Teilnehmern während der Ausbildung?

Gabriele: Das ist sehr unterschiedlich, wirklich sehr unterschiedlich. Ich gehe jetzt von diesen fünf Semestern aus: Manche sind schon während des dritten Semesters sehr, sehr gut unterwegs, manche nicht. Die Menschen sind so unterschiedlich, und es ist sehr unterschiedlich, wie weit sich jeder bereit ist einzulassen, wie schnell, wie weit er schon ist. Das kann man nicht an irgendetwas festmachen. Ich weiß nur, dass es viele Entwicklungen gibt. Ich habe aber auch erlebt, dass manche abgebrochen haben, weil es ihnen doch zu intensiv geworden ist. Auch das ist völlig legitim, ich finde, das ist sehr reflektiert. Aber wie gesagt: Das kann man wirklich nicht auf einen Punkt festmachen – das ist total unterschiedlich.

MindMag: Was macht aus deiner Sicht eine gute Lebens- und Sozialberaterin beziehungsweise einen guten Berater aus?

Gabriele: Als Erstes natürlich eine gute Ausbildung – eine fundierte, anerkannte Ausbildung. Das ist das Fundament. Was aber für mich noch dazugehört, ist die Liebe zum Menschen. Das ist einfach das zweite Fundament. Ich muss die Menschen mögen, ich brauche sehr viel Empathie – das ist auch etwas, das für einen guten Lebensberater oder eine gute Lebensberaterin wichtig ist. Und es muss immer auf gleicher Augenhöhe sein: Ein guter Lebensberater begegnet den Klienten immer auf gleicher Augenhöhe, weil nicht ich der Experte bin – jeder Klient ist in seinem Leben der eigene Experte, die eigene Expertin. Das muss uns wirklich bewusst sein: Wir stehen nicht darüber. Das ist wirklich das Um und Auf, dass wir uns auf gleicher Augenhöhe begegnen und uns nicht überstülpen. Wer das tut, sollte vielleicht noch einmal ein bisschen Ausbildung weitermachen.

Sondern ich höre zu – da rede ich vom aktiven Zuhören. Zur Erklärung: Aktives Zuhören heißt, wenn ein Klient in der ersten Stunde eine halbe Stunde lang seine Anliegen erzählt, dass ich das gut zusammenfassen kann – wirklich in seinen Worten, so wie ich es verstanden habe. Ich unterbreche nicht. Gut zuhören ist ganz wichtig, und vor allem nicht mit eigenen Geschichten kommen. Ein guter Lebensberater hat wirklich diese Eigenschaften. Und es geht gar nicht darum, wie viele Methoden ich kann oder gelernt habe. Ich sage immer: Das ist der Werkzeugkoffer, den ich mit habe und aus dem ich bei Bedarf etwas auspacke. Es sind viele andere Eigenschaften, die einen guten Lebensberater wirklich ausmachen.

Was mich wirklich überrascht: Viele kommen aus der Wirtschaft. Sie haben einen ganz anderen Background und kommen aus ganz anderen Bereichen – Werbeagenturen waren schon dabei oder die Wirtschaft, wo man denkt: Das ist wirklich interessant und spannend, dass sie sich auf eine ganz andere Ebene begeben möchten. Das ist immer wieder meine größte Überraschung: Aus welchen Berufen die Menschen kommen.

MindMag: Gab es in deiner Arbeit Momente, die dich besonders berührt haben?

Gabriele: Ja, da gab es wirklich sehr viele Momente. Ich denke gerade: In der Trauerbegleiterausbildung gibt es eine Aufgabe, man schreibt eine eigene Trauerrede. Nachdem die Teilnehmerinnen das gemacht haben, hat eine gesagt, sie wird sie ihrem Mann am Abend vorlesen. Und am nächsten Tag hat sie dann erzählt, dass der Mann so berührt war und gesagt hat: „Was für ein toller Mensch du bist – ich bin so froh, dass ich dich habe.“ Und er hat das dann auch gemacht. Das sind schon sehr, sehr berührende Momente gewesen. Aber auch in der LSB-Ausbildung gab es Momente, in denen es ein bisschen um Selbsterfahrung ging, um eigene Geschichten. Wenn ich da an eine Brettaufstellung denke, wo auf einmal alles so sichtbar wurde: Brettaufstellung klingt für viele nach Hokus-Pokus, ist aber wirklich eine Methode, bei der das Innere nach außen gekehrt wird – auch das Unbewusste wird sichtbar, sogar für den Klienten selbst. Und da gab es viele berührende Momente und Erkenntnisse. Das Schönste ist bei den Auszubildenden, wenn sie selber viele Erkenntnisse haben, einen Perspektivenwechsel erleben. Wie gesagt, es gibt so viele berührende Momente. Ich mache das jetzt über zehn Jahre – ich kenne sie gar nicht alle. Das wäre ein eigenes Buch, was ich da alles erlebt habe.

Auch wenn Erkenntnisse von alleine kamen oder auf einmal eine neue Sichtweise da war: Das sind sehr berührende Momente, wo man sagt: Jetzt kann ich erst verstehen, jetzt kann ich das erst nachvollziehen. Auch wenn es private, familiäre Themen waren. Und eben auch einer, der gesagt hat: „Ich möchte dem Leben etwas zurückgeben, mir ist so viel Gutes passiert, ich will etwas zurückgeben.“ Das hat mich auch sehr berührt, weil da kein Eigennutz dabei ist, sondern wirklich nur das Weitergeben. Also das würde ein Buch füllen.

MindMag: Woran merkt man, dass es Zeit ist, sich an eine Beraterin beziehungsweise einen Berater zu wenden?

Gabriele: Wenn das Leben Herausforderungen bringt, wo ich mir denke: Ich brauche jetzt jemanden, der von außen draufschaut. Keine Familie, keine Freunde, die dann oft mit wohlgemeinten Ratschlägen kommen – sondern wirklich zu jemandem zu gehen, der neutral ist, objektiv, außenstehend, der andere Fragen stellt als Angehörige. Oder wenn ich merke: Ich bin jetzt in einer Krise, und irgendwo holt mich gerade so vieles ein. Achtung, bitte: Ich spreche hier nicht von Diagnosen. Das ist mir ganz wichtig zu betonen. Wir sind nicht dafür da, wenn jemand in einer schweren Depression steckt oder Ähnliches – das möchte ich nur nebenbei erwähnen, dass es da eine ganz klare Grenze gibt. Aber wenn ich merke, ich habe eine Herausforderung, mir droht ein Jobverlust, irgendeine Trauer oder eine Sinnkrise in meinem Leben – oder ich komme gerade mit mir selber nicht klar: Diese Krisen haben wir alle im Leben, und da ist eine Beratung sehr sinnvoll. Da wäre es gut, wenn die Menschen gehen würden. Und daran erkennt man es auch: Okay, ich stehe jetzt an, ich will es aber auch nicht mit meiner Familie besprechen, sondern wirklich zu jemandem Objektiven gehen. Wenn ich merke, ich komme da selber nicht raus oder bin zu festgefahren – oder in diesem berühmten Hamsterrad –, dann ist es gut, wenn man zu einem Lebensberater geht.

MindMag: Woran merkt man, dass eine Beraterin zu einem passt?

Gabriele: Zu mir passt – ja. Das ist Sympathie. Ich glaube, wie wir alle wissen, entscheiden oft schon die ersten Sekunden: Ist mir der oder die Sympathische oder nicht? Manchmal kann das aber täuschen. Meine Erfahrung ist auch, dass man sich denkt: „Da liegt mir nichts.“ Aber man bleibt die Stunde – und auf einmal dreht sich das komplett. Es ist, glaube ich, eine Sympathie, ein Spüren: Man spürt, ist der von der Art her so, wie ich es brauche? Wenn ich da ein ganz kurzes Beispiel bringen darf: Ich hatte immer meine Art zu beraten. Und dann kam einmal ein Lesbenpärchen zu mir. In der ersten Stunde war die eine total begeistert, sie wollte wiederkommen. Und die andere hat gesagt: „Gaby, du bist mir zu weich, ich gehe zu wem Anderen.“ Die eine kam weiter, die andere ging zu wem Anderen. Das ist völlig super und legitim – dann ist auch ein gutes Weitergehen und gemeinsames Arbeiten möglich. Wenn das nicht ist, geht es nicht. Wie gesagt: Sympathie. Einmal eine Stunde anhören, und dann spürt man es. Ich glaube, wir sollten uns viel mehr auf unser Gespür verlassen: Unsere Intuition ist der beste Ratgeber. Auf alles, was wir spüren, sollte man viel mehr hören.

Zum Abschluss möchte ich nur sagen, da gibt es ein schönes Bild: Ein Hirn mit einer Hand und ein Herz mit einer Hand – und beide gehen Hand in Hand. Das heißt: Mach Herz und Hirn zu deinem Partner. Nicht nur der Kopf, nicht nur das Gefühl – die gesunde Mischung macht es.