In der U-Bahn hörte ich neulich ein Gespräch, das mich tief berührte. Eine Frau erzählte, wie ihr Partner nie Zeit für sie hat und ihr nicht zuhört, wenn sie von ihren Gefühlen spricht. Ihre Freundin antwortete knapp: „Jetzt entscheide dich! Wie lange willst du das noch mitmachen?“ Diese Worte erinnerten mich sofort an meine Mutter, die mir einst sagte: „Jetzt entscheide dich endlich, welche Ausbildung du machen willst!“ Ich spüre noch heute den Druck, das Gewicht auf meinen Schultern und die Anspannung im Körper.

Auch in meiner Arbeit begegnen mir Menschen, die unter diesem Entscheidungsdruck leiden. Sie kommen mit dem Wunsch, endlich Klarheit zu finden. Meine erste Frage lautet dann oft: „Wer erwartet diese Entscheidung von dir?“ Häufig ist es das Umfeld, das die Unentschlossenheit nicht erträgt. Dabei ist es wichtig zu verstehen: Sich nicht zu entscheiden, ist ebenfalls eine Entscheidung – und oft eine befreiende.

Manchmal brauchen wir einfach Zeit, um am Flussufer zu sitzen und das Wasser zu beobachten. Bevor wir wählen, ob wir mit dem Strom schwimmen, gegen ihn ankämpfen oder lieber den Weg zu Fuß gehen. Entscheidungen brauchen Raum und Gelassenheit – und vor allem das Vertrauen, dass wir unseren eigenen Rhythmus finden dürfen.