MindMag: Wie bist du zur Lebens- und Sozialberatung gekommen?
Johanna: Ich habe mein ganzes Berufsleben im Kulturmanagement gearbeitet, zuletzt bei den Wiener Symphonikern im Orchesterbüro, also bei einem Profiorchester. Schon seit längerer Zeit habe ich gespürt, dass das nicht unbedingt der Bereich ist, in dem ich mein ganzes Leben lang beruflich bleiben möchte. Im Rahmen meiner Tätigkeit als Betriebsrätin bin ich dort das erste Mal mit dem Bereich Beratung in Berührung gekommen und habe sofort die Begeisterung dafür verspürt. Ich habe mir überlegt, mich in diese Richtung weiterzubilden, bin auf die Lebens- und Sozialberatung gestoßen – das war für mich die Initialzündung, aus der Kulturbranche auszusteigen. Ich bin dann in Bildungskarenz gegangen und habe die Ausbildung begonnen. Die mache ich jetzt mit großer Begeisterung und Liebe.
MindMag: Was erfüllt dich an deiner Arbeit besonders?
Johanna: Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen platt, aber die Arbeit mit Menschen finde ich sehr erfüllend. Die Themen scheinen oft ähnlich zu sein, wenn Klientinnen und Klienten zu mir kommen, aber jeder Mensch ist so individuell und einzigartig, dass man sich als Beraterin jedes Mal aufs Neue öffnen und darauf einlassen muss. Das finde ich extrem spannend. Es gibt einfach kein Patentrezept – jeder und jede findet für sich seine Lösung, und da bin ich unterstützend zur Seite. Besonders schön finde ich es, wenn Emotionen spürbar werden: Oft wird es in Beratungen tatsächlich sehr emotional, und das ist für mich immer ein Zeichen – da bewegt sich etwas, da tut sich jetzt etwas. Genauso schön ist es, wenn sich Aha-Erlebnisse einstellen, wenn Menschen plötzlich auf Perspektiven stoßen, die sie vorher noch nie gesehen haben.
MindMag: Mit welchen Menschen arbeitest du hauptsächlich?
Johanna: Ich habe mich in meiner Tätigkeit auf drei Bereiche spezialisiert. Einerseits das Auftrittscoaching: Da arbeite ich mit Menschen, die im beruflichen Kontext auf der Bühne stehen – vor allem mit Musikerinnen, aber auch mit Menschen, die zum Beispiel Vorträge halten müssen. Der zweite Bereich sind Entscheidungsthemen: Menschen, die sich in einer Umbruchphase in ihrem Leben befinden oder vor einer Entscheidung stehen und nicht weiterkommen. Und der dritte Bereich, auf den ich mich spezialisiert habe, ist die Trauerbegleitung: Menschen, die einen geliebten Menschen verloren haben und in einer Trauerphase sind – ob schon seit längerer Zeit oder erst seit kurzem, das hat ganz unterschiedliche Ausprägungen. Das sind hauptsächlich die Menschen, die ich mit meiner Arbeit anspreche.
MindMag: Wie begleitest du deine Klientinnen und Klienten typischerweise?
Johanna: Im Auftrittscoaching geht es darum, mit Menschen zu arbeiten, die auf der Bühne richtig Stress erleben und Angst haben – klassischerweise Auftritts- und Bühnenangst. Die Menschen leiden wirklich darunter, das ist sehr belastend, und oft können sie in dieser Situation nicht auf das Können und die Leistung zurückgreifen, die sie eigentlich haben. Ich arbeite mit einer Methode, die PEP heißt – Prozess- und Embodimentfokussierte Psychologie. Sie hat sich aus einer Klopftechnik entwickelt, ist aber weit mehr als Klopfen: Um Stress zu regulieren, klopfen wir auf Akupunkturpunkte – bei PEP konkret auf 16 dieser Punkte. So lassen sich unangenehme Emotionen sehr rasch herunterregulieren. Aber das Klopfen ist, wie gesagt, nur ein Teil der Methode. Um das Ganze auf einen Nenner zu bringen: Im Kern geht es um die Arbeit am Selbstwert und an der Selbstliebe, um das Anerkennen der eigenen Person mit ihren Fehlern, Ecken und Kanten. Und diese Ecken und Kanten kommen auf der Bühne oft besonders zum Vorschein – da kann ich mit dieser Methode sehr gut unterstützen. Ich habe wirklich sehr, sehr gute Erfahrungen damit gemacht, und es macht nebenbei wahnsinnig Spaß: Es wird auch viel gelacht, da ist Humor und Leichtigkeit dabei. Es ist wirklich sehr schöne Arbeit.
In der Trauerbegleitung arbeite ich hingegen ganz anders. Da lehne ich mich an die Arbeit von Chris Paul an, die das „Kaleidoskop des Trauerns“ genannt hat. Trauer wird dabei nicht in Phasen eingeteilt – nicht erste Phase, zweite Phase, dritte Phase –, sondern sie hat verschiedene Facetten, insgesamt sechs, zwischen denen man ständig hin- und herwechselt. Das ist für mich eine viel zugänglichere Art, mit Trauer und trauernden Menschen umzugehen und sie in ihrer Trauer zu unterstützen.
In meiner dritten Säule, wenn es um Entscheidungen und Umbruchphasen geht, arbeite ich mit verschiedenen Methoden aus der Lebens- und Sozialberatung – zum Beispiel Systembrett oder Tetralemma – und natürlich mit sehr vielen Fragetechniken. Allein, was Fragen in Menschen auslösen können, ist immer wieder sehr, sehr spannend zu beobachten.
MindMag: Wann sollte jemand zu einer Lebens- und Sozialberaterin oder einem Berater kommen?
Johanna: Das ist eine sehr interessante Frage. Meiner persönlichen Meinung nach: Wenn man merkt, dass man bei einem Thema nicht weiterkommt – und solche Themen hat jeder in seinem Leben zuhauf –, wenn man sich ständig um die eigene Achse dreht und dieselben Gedanken immer und immer wieder wählt, dann ist das ein Moment, in dem man sich Hilfe holen kann. Lebens- und Sozialberaterinnen und -berater sind da die richtigen Ansprechpersonen. Man muss nicht gleich in Therapie gehen – das muss man sich natürlich im Detail anschauen –, aber grundsätzlich ist es eine Hilfestellung, um nicht durch jede Herausforderung im Leben alleine durchgehen zu müssen. Ich glaube, in unserer Gesellschaft herrscht oft noch die Vorstellung vor, dass man das alleine schaffen muss. Aber das muss eben nicht sein: Man darf sich Hilfe holen, es gibt Hilfe und Unterstützung – und das sogar sehr niederschwellig, in meiner Erfahrung.
MindMag: Gab es einen Moment in deiner Arbeit, der dich besonders berührt hat?
Johanna: Es gibt viele Momente, die mich besonders berührt haben – einen kann ich gar nicht besonders herausgreifen. Schön ist es immer, wenn ich positives Feedback bekomme: wenn mir Menschen, die ich beraten habe, eine SMS schreiben oder sich später melden und sagen: „Ich bin super weitergekommen, es hat mir total geholfen.“ Oft ist es ja so, dass man kein Feedback bekommt – man hat eine Beratung oder ein paar Beratungen und hört nie wieder von der Person. Das ist völlig in Ordnung und normal. Besonders schön ist es aber, wenn man doch etwas zurückhört oder Feedback bekommt. Eine Situation möchte ich dazu erzählen: Eine Musikstudentin hatte ihre Abschlussprüfung vor sich, die aus zwei Teilen bestand. Den ersten Teil – eine Prüfung vor einer Kommission, bei der sie spielen musste – hatte sie schon hinter sich, und der war nicht gut gelaufen. Sie konnte nicht zeigen, was sie draufhatte und zeigen wollte, und war dann sehr verunsichert, was den zweiten Teil betraf: ein öffentliches Konzert. Über eine Empfehlung kam sie zu mir, wir haben „gepeppt“ – also mit meiner Methode gearbeitet –, und sie ist wieder zurück ins Leben gegangen, hat das Konzert gespielt und mich danach angerufen. Sie war so begeistert: Sie hatte genau das erreicht, was sie erreichen wollte. Sie wollte einfach noch einmal auf der Bühne stehen und es genießen – und das ist ihr gelungen. Das war ein schöner Moment.
MindMag: Was überrascht Menschen oft an deiner Arbeit?
Johanna: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die in die Beratung kommen, oft sehr überrascht sind, wie viele Fragen ich stelle. Wer noch nie in einem Coaching oder einer Beratung war, weiß nicht genau, was da auf einen zukommt oder was man zu erwarten hat. Manchmal habe ich den Eindruck, sie setzen sich hin und denken: „Okay, jetzt sag mir was Kluges, was soll ich machen?“ – und genau das macht man in der Beratung oder im Coaching nicht. Die Idee ist, dass jeder die Lösung in sich trägt, sie nur noch nicht gefunden hat. Wir als Beraterinnen und Berater stehen hilfestellend an der Seite und zeigen Möglichkeiten auf, und das Fragen ist eine Methode, um das zu tun. Darüber sind sie oft sehr überrascht. Und zweitens sind Menschen oft überrascht, wie schnell die Klopftechnik wirkt: wenn wir an Akupunkturpunkten klopfen, um unangenehme Emotionen zu reduzieren. Ich habe schon oft gehört: „Man kann gar nicht glauben, dass das so schnell geht.“ Das ist ein totaler Überraschungseffekt.
MindMag: Woran arbeitest du gerade mit besonderer Leidenschaft?
Johanna: Ich habe eine Idee, die sich bei mir im Kopf langsam ausbreitet. Beim Auftrittscoaching merke ich immer wieder, dass das Thema Angst auf der Bühne mit einem großen Tabu belegt ist: Die Menschen können nicht gut darüber sprechen, haben Angst, stigmatisiert zu werden, es ist mit viel Scham behaftet. Meine Idee ist, ein bisschen dagegenzuwirken: Ich möchte einen Podcast machen, in dem ich erfolgreiche Berufsmusikerinnen und -musiker einlade, die offen über ihre Erfahrungen mit Angst auf der Bühne sprechen – dass auch sie das erlebt haben oder vielleicht noch erleben und wie sie damit umgehen. Meine Hoffnung ist, dass Zuhörerinnen und Zuhörer davon profitieren: dass auch erfolgreiche Musikerinnen und Musiker diese Erfahrung gemacht haben, dass das ganz normal ist und zum Menschsein einfach dazugehört. Ich traue mich zu behaupten, dass so ziemlich jeder in seinem Leben schon einmal unter Auftrittsangst gelitten hat – und dass man gut daran arbeiten kann. Es gibt verschiedene Methoden und Techniken, eine davon ist PEP, und das möchte ich gerne unter die Leute bringen. Ich möchte die Menschen begleiten und unterstützen, damit sie auf der Bühne authentisch sein können, Spaß haben und zeigen können, was sie draufhaben.
MindMag: Wie und wo kann man dich finden?
Johanna: Man kann mich im Internet finden. Ich habe eine Website, www.johanna-wirnsberger.at – dort stehen auch meine Kontaktdaten: E-Mail-Adresse und Telefonnummer. Am besten einfach anrufen oder eine E-Mail schreiben, wie es besser passt. Grundsätzlich läuft es so ab, dass ich Kontakt aufnehme, und wir vereinbaren ein 30-minütiges Gratis-Erstgespräch, bei dem man ein bisschen Gefühl füreinander bekommt und abcheckt, worum es geht. Danach macht man einen Termin für eine Beratung aus. Derzeit bin ich in einer Gemeinschaftspraxis eingemietet, MOVA, in der Schirardi-Gasse 3, in der Nähe des Naschmarkts in Wien.


